Reizthema Kastration oder Wie sehr Hormone (auch) das Verhalten unserer Hunde beeinflussen (Teil 1)

Vom 25. Juli 2013

Da die Themen Kastration und Einfluss der Hormone in meiner Berufspraxis regelmäßig diskutiert werden, nutze ich die Gelegenheit, mehr Informationen zu diesen Themen zu veröffentlichen (auch wenn es andere an anderen Stellen viel besser bereits publiziert haben). Auch ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass das Thema Kastration und die Folgen thematisiert werden, dass aufgeklärt wird, Mythen hinterfragt werden und sensibilisiert wird.

Viel zu oft muss ich mich mit den Folgeschäden kastrierter Tiere befassen, die ihr Leben lang darunter zu leiden haben (einschließlich ihrer Menschen). Gern taucht dabei das Argument auf, dass Kastration eben ein Allheilmittel gegen sämtliche „Unerzogenheiten“ und Verhaltensproblemen bei Hunden, besonders bei Rüden sei. Dies spukt fest verankert in den Köpfen vieler Menschen.
Es gehört zu den TOP 3 der Hundemythen, neben „allumfassenden Welpenschutz“ und „Dominanzgehabe“ und gehören endlich begraben. Ebenso belegen Studien, dass der vermeintlich präventive Charakter von Kastrationen, Krebswahrscheinlichkeiten zu senken, nachweislich nicht gegeben ist.

Vorangestellt und was die meisten nicht wissen, im Tierschutzgesetz §6 ist gesetzlich verankert, dass das „vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen oder das vollständige oder teilweise Entnehmen oder Zerstören von Organen oder Geweben eines Wirbeltieres“ verboten ist.
Auch Ausnahmen sind festgelegt (und werden sehr gern trotz eindeutiger Rechtskommentare frei interpretiert), zum einen nach tierärztlicher Indikation und zum anderen zur Verhinderung unerwünschter Fortpflanzung.
Nach tierärztlicher Indikation bedeutet, wenn z.B. ein Organ erkrankt ist. Und zur Verhinderung unerwünschter Fortpflanzung sei gesagt, dass es in geordneten Verhältnissen andere Möglichkeiten als vorbeugende Managementmaßnahmen in Erwägung gezogen werden sollten.

Eine Kastration hat schwerwiegende Konsequenzen, schließlich bedeutet sie die Wegnahme der Geschlechtsorgane, da dabei ein Großteil der Sexualhormonproduktion entfernt wird. Erwähnt sei dabei, dass das Alter eine sehr entscheidende Rolle spielt. Sind die Tiere noch nicht „erwachsen“ und vollständig entwickelt, handelt es sich zu diesem Zeitpunkt sogar noch um eine Frühkastration. Diese ist absolut kontraproduktiv und steht einer gesunden körperlichen & geistigen Entwicklung entgegen. Frühkastrierte Hunde haben laut Studien häufiger mit Fehlentwicklungen der Gelenke, Hüfte & Kniegelenke, Emotionaler Instabilität & Stressanfälligkeit, Problemen mit Herz-Kreislauf-System zu tun, als andere. Der für das Wachstum verantwortliche Mix aus Wachstumshormonen, Nervenwachshormonen, Sexualhormonen und Stresshormonen ist dafür verantwortlich. Wird durch eine Kastration in diese Entwicklung eingegriffen, wird diese verändert.

Erst recht, wenn man weiß, dass Hormone einen erheblichen Einfluss auf die gesunde geistige und körperliche Entwicklung von Säugetieren haben. Kastration sollte niemals leichtfertig entscheiden werden, sondern ausschließlich im Einzelfall überprüft werden. Es ist die Pflicht eines TA, Therapeuten, Trainers und Hundehalters, sich zunächst im Einzelfall ausführlich zu informieren. Wenn dies nach derzeitigen Stand der Wissenschaft und da gehört auch die Verhaltensbiologie dazu der Fall ist, sollte, zumindest beim Rüden ist dies inzwischen möglich, mittels chemischer Probekastration eine weitere Überprüfung erfolgen zu lassen. Bei einer Hündin (aber auch beim Rüden) sollte sich zwecks Sterilisation (Oviduktomie bei der Hündin und Vasektomie beim Rüden) kundig gemacht werden, dabei wird der Hormonhaushalt nur gering bis garnicht beeinflusst.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, eine Kastration hat weitreichenden Folgen auf das Verhalten unserer Hunde. Eine Sterilisation, wenn sie nach Einzelfallprüfung denn unbedingt sein muss, macht das Tier fortpflanzungsunfähig, lässt es aber physiologisch, hormonell intakt. Es ist unsere Pflicht als Hundehalter alle Möglichkeiten abzuwägen und für das Tier die bestmögliche und nicht die vermeintlich bequeme Maßnahme zu ergreifen.

Noch eine Bemerkung zum Schluss: das „Argument“, dass Hunde unter permanenten Druck und Stress leben, weil sie ja eben nicht zum Zuge kommen dürfen und daher lieber kastriert werden sollten, ist gelinde gesagt fachlich komplett daneben. Studien an wildlebenden Wölfen, Wildhunden und eben auch verwilderten Hunden aus den verschiedensten Winkel der Welt belegen das Gegenteil.

„Kastration und Verhalten beim Hund“ von Gansloßer und Strothbeck ist eine informative Lektüre zum Thema. Da werden aufgrund von tierärztlichen Studien sämtliche Folgen und auch die Wechselwirkungen, der für die Entwicklung und das Verhalten wichtigen Hormone verständlich beschrieben. Dieses Buch und „Kastration beim Hund“/die Bielefelder Studie von Gabriele Niepel kann ich wärmstens empfehlen. Ebenso sind die Bücher von Elli H. Radinger und Günther Bloch es wert, gelesen zu werden.

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